Lutherische Theologie und Kirche, Heft 04/2024
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Christoph Barnbrock/Achim Behrens/Christian Neddens u a
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Zusatztext
Die Themen und Herausforderungen für die Ökumene haben sich in den letzten Jahren verschoben. Ging es bis in die 1990er Jahre vorrangig um die Aufarbeitung der dogmatischen Verwerfungen aus der Reformationszeit, so treten seit der Jahrtausendwende immer stärker individualethische Fragen in den Fokus also Fragen nach der richtigen Lebensform und ihren moralischen Leitvorstellungen.Das ist die Grundthese, die dem ersten Beitrag in diesem Heft zugrunde liegt. Natürlich lassen sich immer Gegenbeispiele finden. Aber vorausgesetzt, diese These stimmt und sie scheint sich in globalem Maßstab zu bestätigen , dann ist eben die herausfordernde Frage, was das für das ökumenische Gespräch im 21. Jahrhundert bedeutet. Johannes Ehmann, Professor für Kirchengeschichte in Heidelberg, hatte bereits vor 15 Jahren diesen Paradigmenwechsel und die sich daraus ergebenden Anforderungen für den Diskurs thematisiert. Der Vortrag war schon damals für den Abdruck in LuThK vorgesehen gewesen und ist nach wie vor aktuell. Er lässt sich zugleich als Nachtrag zu den Überlegungen über die »Einheit der Kirche« im vergangenen Heft 4/2024 lesen.Der Autor, beheimatet in der badischen Union, argumentiert engagiert von der Leuenberger Konkordie her und hilft damit als Stimme jenseits des konfessionellen Luthertums auch diesem zur Wahrnehmung der gegenwärtigen ökumenischen Diskurslage. Ehmanns Fazit lautet: Bei ethischen Themen sollte man sehr vorsichtig sein, ob sie Grundlage von Kirchengemeinschaft oder Kirchentrennung sein können jedenfalls bedürften sie dazu einer sehr stringenten theologischen Grundlegung.Unser zweiter Beitrag stammt aus der Feder Gilberto da Silvas, Professor für Kirchengeschichte an der Lutherischen Theologischen Hochschule. Seine Abhandlung, die die brasilianische Herkunft des Autors nicht verleugnet, thematisiert ein damals ziemlich aufsehenerregendes Beispiel interkultureller Kommunikation, das insofern durchaus zu den dogmatisch-ethischen Überlegungen des ersten Beitrags anschließt: die Diskussion um »Anthropophagie« in Brasilien und deren Bedeutung für die theologische Reflexion. Salopp gesagt geht es um die Frage: Lässt sich mit »Menschenfressern« reden?Das zunächst kurios wirkende, aber dann doch sehr lebensnahe Beispiel des Homberger Abenteurers Hans Staden aus dem 16. Jahrhundert wirft Fragen auf, die auch heute gar nicht so weltfremd sind. Es geht um die Konstruktion von Identitäten in der Begegnung mit dem Anderen, was zu einer Schärfung des Eigenen führt, zugleich aber auch das Eigene in den Denkhorizont des Anderen integriert, um sich verständlich zu machen. Und dies ist, wie da Silva anhand der brasilianischen Rezeption Hans Stadens zu zeigen vermag, immer ein wechselseitiger Prozess.Für Staden und das ist gewissermaßen der theologische Ertrag der Studie ist es gerade sein Verhältnis zu seinem Gott, das die kulturvermittelnde Rolle einnimmt und als die Konstante betrachtet werden kann, die sowohl seinen Platz in der hessischen als auch in der Tupinambä-Gesellschaft bestimmt. Inwieweit es sich dabei um literarische Konstruktionen handelt und inwiefern diese den damaligen Ereignissen gerecht werden, ist eine andere Frage, die sich dem heutigen Zugriff weitgehend entzieht.Markus Mühling schließlich, unser dritter Autor, ist Professor für Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. Im Anschluss an sein Opus Magnum, die dreibändige »Post-Systematische Theologie«, wendet sich Mühling hier einer der entscheidenden Fragen gegenwärtigen evangelischer Theologie zu: der Frage nach der Schriftautorität in Kirche und Gesellschaft.Mühling unternimmt den achtenswerten Versuch, die Relevanz und Autorität der Schrift in konstruktiver Arbeit neu plausibel darzustellen. Dabei versteht er die Schrift als »indexikalisches Zeugnis« der narrativen Selbst-Präsentation Gottes in seiner Offenbarung. In einer offenen Denkbewegung fragt Mühling von daher, was dies für die Frage der Abgeschlossenheit der Offenbarung bedeutet etwa im Blick auf die Möglichkeit bisher unbekannter kanonischer Schriften oder weiterer Personen Gottes.Da die Neuheit Gottes aber per se in der Offenbarung des befreienden Wirkens des Hl. Geistes enthalten sei, sei diese Neuheit nicht jenseits der Schrift, sondern gerade in ihrem Zeugnis zu finden und immer wieder neu zu erwarten. Entscheidend sei in diesem Kontext eine Hermeneutik der Hl. Schrift, die diese als Wirken des Heiligen Geistes auszulegen versteht, ohne sie in eine kontingente Zeitepoche einzuschließen weder in eine vergangene der antiken Autoren noch in eine gegenwärtige unseres eigenen Verstehens , damit sie sich in ihrem Ursprung und ihrem Ziel als indexikalisches Zeugnis der realitätserschließenden Kraft des Hl. Geistes imponieren kann.(aus dem Editorial von Schriftleiter Christian Neddens)
Weitere Details
Erschienen: 19.06.2025
Umfang: 80 S., 3.77 MB
Sprache: Deutsch
ISBN/EAN: 9783846996225
Umbreit-Nr.: 6997400
